Was wird, wird still

Wie Pferde ihre heilame Ausstrahlung entfalten

Therapiehof Elbtalaue, Martina Gnodtke


Heute durfte ich die therapeutische Wirkung des Zusammenseins mit den Pferden noch mal sehr eindrücklich an mir selbst erleben. Dabei wird mir immer wieder deutlich, dass es mir schwer fällt, über die Heilwirkungen, die dabei entstehen, zu berichten, weil sie eben so leise und sanft von statten gehen. Nach aussen hin sieht man eben keine aufsehenerregenden Bewegungen oder tolle Abläufe. Hier geht es nicht um die körperlichen Fähigkeiten der Pferde und was sie gelernt haben, oder wie wir sie steuern können, sondern um die ganz leisen und subtilen Töne in der Verständigung.

Ja, da steht man dann so rum… in meinem Fall heut war eine Freundin für sich mit Lana beschäftigt, während ich grad unglaublich aufgewühlt war. Mein Panikprogram tobte sich mal wieder aus. Was an sich die normalen Anforderungen des Alltags sein müssten, türmte sich innerlich bei mir grade wieder zu Katastrophenformat. Das kenn ich schon gut und steige auch immer weniger darauf ein, aber es ist immer noch ein Angang, es so zu relativieren, dass Körper, Geist UND Seele die gleiche Perspektive auf die Sache einnehmen. Ich wollte aber doch so gerne bei den Pferden sein! Eine Stunde war sozusagen dafür frei. Meine Freundin war schon tief im Gespräch mit Lana versunken und zwischen Bewegungsangeboten und Puscheln bürsten, während sie praktisch unter Lana hockte, war alles dabei. Ich stand da und in mir purzelten Gedanken, Szenerien und Zahlen munter umher. Inzwischen bin ich soweit, dass ich mich erstmal auf unseren Reifenstapel setze und einfach nur mir selbst ein wenig zuhöre. Irgendwann setzte die Wahrnehmung des Körpers wieder ein. Denn die Panik, die Angst, löst das viele Denken aus, das analytische Denken ist an sich ein Notfallprogramm. Nur sind wir meist auf einem Stresslevel, der uns nie erleben lässt, dass das nicht der natürliche Zustand ist. Natürlich ist SEIN. Hier und jetzt und all das eben. Das, was die Pferde um mich rum taten. Stehen halt. Fühlen, schauen, wahrnehmen. Meinen Körper bewusst wahrzunehmen löste das Kopfkino nach und nach ab. Dabei musste ich an die treffende Comiczeichnung denken, die ich neulich fand: ein Mensch und ein Pferd gehen nebeneinander. Über dem Mensch eine Denkblase mit vielen Bildchen drin und der Überschrift: mind full (Geist voll). Über dem Pferd die Sprechblase: mindful (achtsam). In ihr sah man das Abbild der Umgebung, sonst nichts. 
Bis ich mich mindful fühlte, dauerte es 30 Minuten! Dann kam Lailani. etwas dampfschiffahrtsmässig, erst zum Trinken und dann rigoros zu mir. Ich war „sichtbar“ für sie geworden hinter all den Bildchen. Streicheln, weiter in mich fühlen, sie erspüren, wie geht es mir, wie geht es dir? Und dann öffnet sich so nach und nach ein gemeinsamer Raum. Ich konnte ihn nur kurz teilen, denn dann war ich müde und wollte einfach nur nach pferdeart neben ihr stehen. Das musste aber erst verhandelt werden, denn sie wollte gern weiter gestreichelt werden. Es dauerte eine Weile, bis ich meinen Raum klar halten konnte und sie ging auf Abstand. Dann kam Evelyn, auch mit ihr verhandelte ich eine Weile. Sie liess mir etwas Zeit und dann war ich wieder wacher. Die Umschaltung vom Stressmuster auf SEIN hatte stattgefunden, das kann man immer richtig gut merken und auch bei den Pferden erkennen, wenn mensch es geschafft hat. Und nach etwas Erholung hatte ich die Idee, zum Podest zu gehen. Dort könnten wir etwas üben oder ich könnte ihr von oben den Rücken massieren. Der Weg dahin wurde auch mindful zurückgelegt, nicht ohne Verhandlungen: „Was willst du denn?“ wurde auf beiden Seiten gefragt…wird mir das auch nicht zu viel? Wir kamen an, beschäftigten uns eine Weile miteinander und dann spürte ich, wie unser beider Präsenz aus der Gemeinsamkeit abzog. Es gab ein Gefühl von „mit etwas fertig sein“. Dann ging erst Evelyn ihrer Wege und dann ich.

Als ich mich mit meiner Freundin über alles abschliessend unterhielt, berichtete sie mir auch davon, dass es heute viel Verhandlungen und ein genaues Erspüren des Weges zueinander gegeben hatte, denn es war etwas schwieriger als sonst.

Was mir das alles bringt? Es bahnte sich heut für mich sehr deutlich, wie es ist, dem eigenen System genau DIE Zeit zu geben, die es braucht, um Funktionen ablaufen zu lassen. Vom Stress zur Ruhe, zur Präsenz- von der Erschöpfung, die nach dem Stress spürbar wurde zum Tatendrang. Das geht eben nicht auf Knopfdruck, sondern im Körper laufen Regulierungen ab. Hormone und Nerven spielen zusammen und chemische Gleichgewichte folgen den energetischen Verhältnissen. Die Pferde auf ihre Weise waren mir eine Matrix für das SEIN. Ich hab mich mit ihnen umgeben und hab sie auf mich „abfärben“ lassen. Ihre Ruhe, ihr natürlicher Rhythmus hat mir Orientierung gegeben auf einer ganz tiefen physiologischen Ebene. Hätte ich mich mit einem anderen „Hektiker“ zum Kaffee hingesetzt, wäre der Ablauf einfach anders gewesen. Auch dagegen spricht an sich nichts, aber heute konnte ich total BEWUSST verfolgen, wie diese Umschaltung von statten geht und das hat mir neue Bahnen im Bewusstsein angelegt. Ebenso wie meiner Freundin, die etwas ganz ähnliches während dieser ganzen Zeit erlebte. Wir werden es von nun an leichter wiedererkennen und uns schneller daran erinnern können. Wir werden uns ernster nehmen können, wenn wir nicht gleich so funktionieren, wie mensch es so oft gerne hätte. Das bleibt und das verfestigt sich.

Diese leisen kleinen Schritte wie unter einem Mikroskop vergrößert anzuschauen, bedeutet, die Wahrnehmung zu schärfen und das ermöglicht ein Umlernen. Dazu braucht es keine weiteren Fähigkeiten von der eigenen Seite oder von Seiten der Pferde, als eine Umgebung, in der all sowas Raum bekommen und gewertschätzt werden kann.

Was wird, wird still! 

Alles Liebe!

Martina