Rund um gesund

Was den Apfel wirklich gesund macht

Therapiehof Elbtalaue, Martina Gnodtke


Bei uns im Amt Neuhaus wird die Erhaltung von ursprünglichen Tier- und Pflanzenarten in der Landwirtschaft sehr groß geschrieben. Genug Anlass für den jährlichen "Neuhauser Apfel-Genuß-Tag". Seit ein paar Jahren schon darf ich das Programm dafür mitgestalten und auch einen Vortrag über Äpfel und Gesundheit halten. Dieses Jahr hatte ich ausserdem die Möglichkeit für eine Zeitung über Äpfel zu schreiben mit der ausdrücklichen Vorgabe, das "aus meiner Sicht" zu tun. Mit soviel freier Hand merkte ich, es geht nicht um Inhaltsstoffe und einzelne Krankheiten, es geht um unser Verhältnis zu unserer Nahrung und damit einher geht das Verhältnis zu unserem Planeten... ich möchte es euch "spüren" lassen, wie ich Gesundheit sehe.

Als Heilpraktikerin nehme ich die Erhaltung der Gesundheit genauso ernst, wie das gesund werden selbst.  Mein Beruf erlaubt mir, mir einen Überblick über die großen Zusammenhänge zu machen, wenn jemand um seine Gesundheit bemüht ist. Daher schaue ich mir auch an, wie Ernährung und Lebensumstände darauf Einfluss nehmen. Was mich zunehmend bedrückt, ist, dass der vermeintlich immer höhere Lebensstandard, den wir durch immer ausgeklügeltere Finessen in Technik und Medien entwickeln, vieles ausser acht lässt, was eigentlich für einen gesunden Menschen wichtig wäre.

Obwohl wir in einer scheinbar endlosen Fülle leben, sind wir aus ganzheitlicher Sicht  in vielem eher verarmt. Die Reichhaltigkeit unserer Nahrungsmittel geht verloren, wo es darum geht, viel zu produzieren, statt die Vielfalt der Natur zu nutzen. Und wo unsere Nahrung nebenbei und genormt und in möglichst viel Plastik verpackt aus den Regalen gegriffen wird, verlieren wir nicht nur den Bezug zu unserer Nahrung, sondern auch das Gefühl für ihren Wert.  Noch dazu produzieren Pflanzen  in ihrer Not, in einem künstlichen Milieu möglichst schnell möglichst viel zu wachsen, Substanzen, auf die viele zunehmend allergisch reagieren, weil es in der Pflanze um Kampf, Verteidigung und Überleben ging.

Wenn ich an Apfel und Gesundheit denke, taucht bei mir immer sofort ein bestimmtes Bild auf.

Es ist ein goldener Altweibersommertag. Ich habe schon den ganzen Tag im Alten Land in einem Apfelhof unter den Bäumen gespielt. Und obwohl ich keine Spielkameraden dabei habe und ich erst 5 oder 6 Jahre alt bin, habe ich mich noch keine Minute gelangweilt. Unerschöpflich sind die Ideen und Geschichten, die unter den ausladenden Ästen der alten Apfelbäume auf mich einprasseln. Meine Großeltern arbeiten schon ihr Leben lang bei den Besitzern dieses Hofes. Im Herbst dreht sich bei uns zu Hause alles ums Äpfel pflücken und ich verbringe mit meinen Eltern und Großeltern oft ganze Tage draussen „im Hof“, wie es im Alten Land heisst.  

Nun ist Kaffeepause. Meine Oma hat wie sehr oft, den schönsten und verlockendsten Apfel, den sie entdeckten konnte,  beiseite gelegt. Sie setzt sich zu mir auf eine umgedrehte Apfelkiste und hält ihn mir lächelnd entgegen. „Den hab ich für dich aufbewahrt!“ Es ist ein breiter und leuchtender Cox Orange. Ich rieche seinen intensiven Duft, den nur ein ganz reifer Apfel haben kann. Ausserdem riecht er nach Laub. Seine Schale ist etwas klebrig von dem Wachs, das ein voll ausgereifter Apfel bildet, und ist glänzend und glatt. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Meine Oma zückt ihr uraltes Klappmesser und schneidet den prächtigen Apfel gemächlich in Stücke. Eines reicht sie mir mit strahlenden Augen. Ich beisse hinein. Der süss-saure Saft erfrischt und belebt mich nach dem langen Spiel.

Ich esse…. Ich esse wertvolle Fruchtsäuren und Fruchtzucker, Polyphenole, Antioxidanzien und Pektine, die den Körper reinigen. Ich esse die Kraft der Sonne eines ganzen Sommers und die Farben, die der Mond auf die Schale des Apfels gezaubert hat. Ich esse die Essenz des üppigen Marschbodens. Ich esse eine Frucht, die an einem Baum wuchs, der seine Wurzeln tief in die Erde tauchen durfte und seine Äste unbegrenzt in den Himmel recken, dessen Blätter mit dem Wind sangen und im Regen rauschten. Ich esse ein Symbol der Lebenskraft und der Liebe der Götter zu den Menschen, um das sich Märchen, Mythen und Kinderlieder ranken. Eine Speise, von der es lange hiess, sie sei den Göttern allein vorbehalten gewesen. Sie ist in unserem Teil der Welt gewachsen, wir haben uns mit ihr entwickelt und sie sich mit uns.

Ich esse die Liebe meiner Oma, die zufrieden bei mir auf ihrer Kiste hockt, sich über ihre Pause und ihr kleines Mädchen freut und mir dabei zusieht. Ich esse ein Geschenk der Mutter Erde.

Ich esse, um zu wachsen und groß und stark zu werden. Noch in der Pause laufe ich wieder zum Spielen. Ich baue mein eigenes kleines Haus aus leeren Apfelkisten und spiele dann „Vater, Mutter, Kind.“ Heute gibt es Apfelkuchen aus Fallobst, serviert auf kleinen Rindentellern und Besteck aus Stöckchen….

50 Jahre später lebe ich in Amt Neuhaus in den Elbtalauen auf einem kleinen Hof mit zum Teil uraltem Baumbestand. Wir haben 9 Apfelbäume, alles verschiedene Sorten. Wir haben Äpfel von August bis November und eingelagert bis März. Ich liebe jeden von unseren Bäumen am meisten.

Alles Liebe 

Martina