Messlatte Hufschmied-Termin, die Schule fürs Leben

Therapiehof Elbtalaue, Martina Gnodtke

 

Viele Jahre lang war der Hufschmiedtermin, also alle 8-12 Wochen, ein leidiges Thema. Das war immer die Stunde der Wahrheit. Ganz zu Anfang zeigte es mir anscheinend „wie gut ich mit meinen Pferden umgehen kann“. Als ich mehr in die Welt des Fühlens und Erlebens der Tiere hineingewachsen war, war es der Tag, an dem ich Unmögliches vollbringen musste: meine Pferde mit ihren ureigensten Interessen im Blick behalten, mich selber vor der Bewertung durch den Hufschmied abzugrenzen und mich selbst und gleichzeitig die Pferde bereit machen für eine gute Zusammenarbeit. Ich glaube, mehr können a) Welten nicht zusammen prallen und b) kann man sich selber nicht wegschalten, während man einer Situation standhalten muss, in der man zwischen zwei Fronten zerrieben wird. 

Da wir ua auch kranke, junge und auch traumatisierte Pferde hier hatten, haben wir so ziemlich jede Befindlichkeit, die ein Pferd angesichts des Hufe-Machens haben kann, auch gesehen. Von „kenne ich gar nicht, was machst du da?“ über „Fassen Sie mich nicht an, wer sind Sie?“ zu tiefstem Trauma: „der böse Mann/die böse Frau wird mich ganz sicher erst foltern und dann umbringen“. Weiter mit: „ich sehe es ja ein, ich würde auch gern mitmachen, aber es tut grad so weh hier auf einem Bein zu stehen“ und auch: „Hah! So nicht mit mir! Nö, keine Lust. Ätsch!“ und viele, viele Nuancen dazwischen. Wenn etwas gründlich meine Ego-Impulse von: „die/der soll aber gut von mir denken“ ausgelöscht hat, dann alles was ich mir anhören musste über meine „ungezogenen“ bis hin zu  „gefährlichen“ Pferde, die schliesslich zu spuren hätten und Punkt! 

Ja. Aber was sollte ich denn machen? Ich hab doch wahr genommen, gesehen, wie es ihnen erging in diesen jeweils für sie bedrohlich wirkenden Situationen. Und ich hab auch das Interesse der Sicherheit für die beteiligten Menschen gesehen. Ich wusste nur: es gibt andere Wege, die sehen vielleicht erstmal aus, wie ein Umweg, sind aber letztlich schneller und sicherer. Nur fand ich zu Anfang wenig Unterstützung in dieser Hinsicht und war wie so oft Sonderling und „Spinner“. Nach und nach änderten sich die Zeiten, die Denke der Menschen und mein Selbstwertgefühl, aber auch mein Wissen und meine Erfahrung- nur, dass immer mal schwierige Pferde dabei waren, das blieb. 

Dann fanden wir einen Hufschmied, der es so sah wie ich, und die Pferde wirklich sah. Und er hatte schon wirklich viel Erfahrung damit sammeln können. Er sah die Situationen mit den Augen der Pferde und wahrte auch seine Sicherheit und seine Interessen und konnte das auch pferdeverständlich umsetzen. Von ihm lernte ich so viel Praktisches, das die graue Theorie und meine ersten Anfänge an Erfahrung vervollständigen konnte. Und mit ihm haben wir über einige Jahre nun all unsere „Problempferde“, die alten und die neuen, zu kooperativen Hufschmied-Partnern gemacht. Heute waren er und seine Frau hier und wir haben etwas geschafft, was bisher selten gelungen ist: wir haben alle 20 Hufe anstandslos bearbeiten können von A bis Z. Ohne Sedierung, ohne Schimpfe, ohne Stress für irgendjemanden. Die schwierigsten Hufe waren: eine offene Stelle am Bein, ein Huf zum drauf stehen müssen stand von seiner Besitzerin noch unter Verdacht, schmerzen zu können. Und eine Rinderbremse, die ein Euter attackierte…

Grad haben wir keine Problempferde mehr hier. Wir haben die üblichen Sorgen und Gegebenheiten, die sich bei 20 Hufen schon mal einstellen, alles eine Frage der Statistik. Wir haben wache Sinne, kooperative Verhandlungspartner auf allen Seiten und Freude am ganz eigenen Sein eines jeden, der/die dabei ist. Ausserdem jede Menge Respekt, Wohlwollen und die Fähigkeit, ganz im Hier und Jetzt zu sein und nicht bei den Sorgen und Phantasien, die im Kopf herumspuken können nach all den schlechten Erfahrungen, die auch da sind…

Fühlen anschalten, „Filme“ abschalten und schauen, was jetzt anliegt. Das schafft Vertrauen und Verständigung bei Mensch und Tier. 

Und auch, wenn es erstmal so aussieht, als sei dies ein Thema für Pferdehalter, ist es letztlich ein zugegeben spezieller Weg, aber ein Weg zur Wahrheit. Dazu, wie Schwierigkeiten verschwinden, wenn man da "wirkt", wo die Ur-Sache sitzt. 

Alles Liebe!