Entschleunigungs verordnung

...denn langsam ist schneller als schnell.....

Therapiehof Elbtalaue, Martina Gnodtke


Heut hab ich zwei sehr lange Stunden hinter mich gebracht….

In der letzten Zeit war so viel los, so viel Sorgen, soviel nötige Planung und Ressourcensicherung, dass ich meine Anbindung verloren habe… Da ich mir eine sehr große Aufgabe vorgenommen habe- den Hof zu führen mit vielen Tieren und dazu eine Praxis, ist es nötig, einen Tagesplan zu haben, an dem ich mich grob orientieren kann. Die zwei Stunden für die Pferde, täglich, sind sehr, sehr oft einfach hinten über gekippt. Und wenn, dann waren medizinische Massnahmen und Pflege im Vordergrund. Wo ist das Spielen hin? Das gemeinsame Fühlen? Das Zusammen sein?

Ich bin meiner Basis verlustig gegangen!

Um von den Pferden zu lernen, um  mit ihnen in einen sich gegenseitig fördernden Prozess zu kommen, ist es das aller-aller-aller-wichtigste sich einen entspannten Rahmen zu schaffen. Und das ist noch sehr vage ausgedrückt. Dieser entspannte Rahmen ist eigentlich ein zeitloser Raum, ein Zustand, in dem Zeit keine Rolle spielt. Da kann man ohne etwas vor zu haben beieinander sein. Die Betonung liegt auf Sein.

Es hat mich Jahre gekostet, zu begreifen, dass dieses Sein dem entspricht, was Michael Ende in „Momo“ mit dem Effekt der Zeitgasse beschreibt. Je schneller ich mich vorwärts bewege, umso mehr treibt es mich rückwärts. Um meinem Ziel schnell näher zu kommen, muss ich ganz langsam werden- in der Zeitgasse.

Sowas lernt sich besonders gut bei den Pferden.

Ich trauere heute ein bisschen, dass ich schon wieder so viel „Zeit verloren“ habe, weil ich so viel zu tun hatte, um für die Pferde wenigstens die Grundversorgung zu sichern. Ich hab oft ein schlechtes Gewissen, aber auch das treibt mich aus dem zeitlosen Raum heraus. Deswegen habe ich mir heute verordnet, meine zwei Pferdestunden draussen zu verbringen, ohne irgendetwas zu arbeiten.

Es ist dann wie eine Art Krampf, es ist schwer, nicht hin zu schauen, was ich schnell noch mal eben vorher erledigen könnte, oder was mal eben nebenbei… Loszulassen ist einfach der erste und der schwerste  Schritt. Die Pferde haben mich dann praktisch „hineingesogen“ in den zeitlosen Raum. Noch lief es holperig und noch bin ich mit meiner Angst beschäftigt, wie es morgen werden könnte… Doch ich hab heut gesehen, ich kann mich auf die Pferde verlassen. Sie holen mich ab. Sie bringen mich zu ihnen selbst, wenn ich mich bereit erkläre. Der Teil  in mir, der planen und vernünftig sein muss, der mit Angst und Mangel arbeitet, hat sich sehr gewehrt. Aber die Pferde waren geduldig, Es waren lange zwei Stunden und wir haben nicht viel geschafft, in dem Sinne, was man sich so als Pferdehalter vorstellt, wie eine Pferdezeit auszusehen hat. De facto hab ich Lailani zur Hälfte geputzt bekommen… aber was soll‘s. Ihre große Dienstleistung für mich war, dass sie geduldig bei mir geblieben ist, und immer dann unwillig mit Kopf und Schweif geschlagen hat, wenn ich mit den Gedanken abgeschweift bin.

Diese kleinen Gesten sind es, die für uns Menschen so eine große Heilung bringen können. Denn in dieser Welt mit all den Vorkehrungen und Regeln und Strukturen sind wir leicht wie abgeschnitten vom fühlen können, wie es gerade Hier und gerade Jetzt für uns aussieht.  Und nur hier und jetzt können wir wirklich für uns sorgen und Vertrauen erleben. 

Alles Liebe 

Martina