Der lange Weg zum echten Pferd

Eine Geschichte vom Aufgeben

Therapiehof Elbtalaue, Martina Gnodtke




Ich glaube, ich habe dieses Jahr  mein 20jähriges! 20 Jahre, die ich intensiv mit Pferden zu tun habe, 14 davon Pferdehaltung in Eigenregie, also jeden Tag bei jedem Wetter und jeder Befindlichkeit. Ich gehöre damit zu den Späteinsteigern und habe daher keine allzu tiefe Prägung auf den üblichen Umgang mit Pferden gehabt. Nichtsdestotrotz fing mein Weg aber in einer Reitschule an. Mein Sohn sollte als Ergänzung zu seiner Physiotherapie reiten. Ihrem Schicksal ergebene Reitschulponies waren mein erstes Anschauungsmaterial. Stundenlang sass ich am Rand der Bahn und saugte Verhalten und Bewegungsabläufe in mich auf. Dann zog „Eddie“ auf dem Reiterhof ein, ein unglaubliches Verlasspferd, auf dem ich dann mit 36 meine ersten Reitstunden bekam. Den Reitstall haben mein Sohn und ich dann verlassen, weil die Kommunikation mit den Menschen nicht mehr funktionierte und wir da auch nicht mehr weiterkamen. Es folgten einige andere Reitschulen und viele Erlebnisse mit Schulpferden und zugehörigen Menschen. Die Erfahrung wuchs und die Vielfalt der unguten Erlebnisse, aber auch ihre Überschneidungen, formten ein Bild, das mir sagte, dass ich diese Art mit Pferden umzugehen, nicht mehr lange „gesund“ würde ertragen können. Mein Mann, der immer Nägel mit Köpfen macht, sorgte dafür, dass wir eigene Pferde bekamen. Donnie und Joy. Was wir jetzt beginnen sollten zu lernen, war etwas völlig anderes, als ich mir jemals hätte vorstellen können und es war ein gigantischer Aufbruch in ein ganz anderes Leben.

Als erstes fing Stute Joy an, mich „vollzuquatschen“, ich hatte die Wahl, entweder durchzudrehen oder die Existenz von Tierkommunikation anzuerkennen und sie zu lernen. Da ich als Biologin eher wissenschaftlich denke, war das ein harter Kampf in mir. Im Zuge dessen sollte Donnie eigentlich reiterlich ausgebildet werden. Ich fand allerdings keinen Ausbilder, der dem gerecht wurde, was sich mir über die Kanäle der Beobachtung und Tierkommunikation erschloss. Ich suchte also nach Ausbildern für mich selbst und wurde auch da nicht wirklich fündig. Das war ca 2007, zu der Zeit war der Markt für alternative Umgangsformen mit Pferden noch wesentlich dünner als jetzt. Immer wieder sagten mir zudem meine Pferde und meine einzige Freundin, die in der gleichen Situation war wie ich, dass ich aufhören solle, im Aussen nach Ausbildung zu suchen und statt dessen auf mich selber und in erster Linie auf die Pferde hören solle. Nun, in diesem Niemandsland hatte ich lange nicht das Gefühl, irgendwo hinzukommen. Der Umgang gestaltete sich zäh und nichts von dem, was wir erreichten, liess sich mit etwas vergleichen, was andere so mit ihren Pferden erleben konnten. Ich fühlte mich als Totalversager. Eine sehr schwere Phase der Krankheit liess alles gezielte Training in sich zusammenbrechen und ich „hatte die Pferde nur noch so“. Donnie, als junger Wallach forderte mich auch eher heraus, als dass er mir einen Zentimeter Boden schenkte. Ich musste komplett am Tiefpunkt des Aufgebens und Loslassens ankommen, um die konventionellen Wege ablegen zu können. Erst, als ich schon damit glücklich war, meine Pferde jeden Tag sehen zu dürfen und nichts, aber auch gar nichts mehr von ihnen oder für uns erwartete, zeigte sich, dass ich die ganze Zeit mitten in der Ausbildung gesteckt hatte.

Es gab keinen Tag, ohne ihre Bewegungen und Reaktionen zu sehen, ohne etwas von ihrer Befindlichkeit zu empfangen oder auch ihre Entwicklung auf ihrem Lebensweg zu sehen. Und ich konnte loslassen. Ich konnte damit auch erleben, wie minimale äussere Trainingsreize körperliche Veränderungen bewirken konnten und vor allem, wie das Sich fühlen die Bewegungsabläufe und damit auch das Aussehen formte.

Später, wieder gesünder und dann auf dem Hof hier in den Elbtalauen, kamen noch Einsteller hinzu und zT Reha-Pferde. Ich sammelte Millionen Momentaufnahmen, ohne mir gewahr zu sein, dass sie alle mich weiterbrachten. Mein „Ego“ in Sachen, eine tolle Pferdehalterin zu sein, war schon längst weit entschwunden, dafür kam ein Einfühlungsvermögen, das die Pferde langsam annehmbar finden konnten. Plötzlich fingen Menschen an zu staunen, wenn sie mit meinen Pferden zusammen waren. Es gibt einen Fluss von „etwas“, das aus diesen freien, großen Seelen kommt und der ein Feld erschafft, das ihren Besuchern ebenfalls eine ungekannte innere Freiheit ermöglicht. Hier entstehen Antworten in den Fragenden und Suchenden, hier kommt Ruhe in die Schockierten, hier kommt Halt oder auch Herausforderung in die Verlorenen. Therapie ist hier so leise, dass ich selbst es kaum glauben kann. Doch sehe ich mich immer wieder den Raum öffnen und halten, während die Pferde „tun“.

Und immer weiter kommen neue Schritte ins Bewusst-Sein hinzu. Neue Menschen, neue Pferde, neue Entwicklungsschritte bringen neue Stufen und ich habe die Ahnung, das ist nach oben offen. Noch kratze ich an der Oberfläche dessen, wie sehr sich die Kommunikation von Tieren und Natur unterscheidet von dem, was wir als Sprache kennen. Ich erkenne inzwischen, dass das meine Aufgabe ist, warum ich hier bin- diese Art der Verbindung zu den Menschen zu bringen, die beginnen, sich dafür zu öffnen. Mit dem Natur-Getreu Konzept, das ich auch als Seminar anbiete, möchte ich das umsetzen.

Inzwischen gibt es mehr und mehr Menschen, die diese Freiheit im Umgang mit Pferden als eine unglaublich starke Quelle der Heilung erkennen. Dabei heilt nicht nur der einzelne Mensch, sondern es geschieht auch etwas im gemeinsamen kollektiven Feld von Mensch und Pferd. Und in dem von Mensch und Natur. Dass ermöglicht uns, unseren Platz wieder zu finden in der großen Ordnung. Das bewirkt, dass wir uns wieder als Teil der Natur erleben und nicht als etwas, das ihr gegenübersteht.

Ich bin unglaublich erfüllt durch diese Aufgabe und alles, was sich am Wegesrand mir noch so erschlossen hat. Seien es Einsichten in die  moderne Psychologie, das energetische Weltbild oder eben auch die animistische Wahrnehmung, die die Wurzeln aller Harmonie enthält- denn wir sind verbunden mit unserer gesamten Umwelt! Und die Pferde sind perfekte Botschafter für diese Wahrheit. Sie lassen mich ihr Korrespondent sein. Es ist mir eine Ehre!

Alles Liebe!

Martina