Merlins Nachruf

25.09.2018

Therapiehof Elbtalaue, Martina Gnodtke

Am Anfang meines Menüpunktes „Tiere“ erwähne ich, dass es manchmal besonders schöne Finde-Geschichten gibt, die erzählen, auf welch besondere Weise ein Tier und sein Mensch zusammengefunden haben und aus denen man erkennen kann, dass es kein Zufall war, sondern man zusammen gehört. Ich habe einige dieser Geschichten erleben dürfen und sagte, jede hat ihre Zeit und vielleicht auch ihren Sinn.

Nun ist es an der Zeit, Merlins Geschichte zu erzählen, denn er ist gegangen, über die Regenbogenbrücke. Und der Verlust reisst ein derart tiefes Loch, dass ich jetzt schon einige Tage nicht in der Lage war, darüber zu schreiben. So hilft es mir, vom Anfang zu erzählen. Das ist auch ein guter Nachruf, denn in seiner Art zu erscheinen, war schon sein Wesen enthalten.

Wir wohnten damals noch in einem Dorf zwischen Hamburg und Bremen und hatten seit kurzem die ersten beiden Pferde und unseren Kater Tom-Tom. Unser Sohn war mitten in der Pubertät angekommen, trug eine lange lockige Mähne und die Rockmusik konnte nicht hart genug sein. Da fanden wir ein Kaninchen und von Stund an versorgte er zärtlich und fürsorglich ein kleines Tier ganz allein. Die Kaninchendame durfte  natürlich nicht allein bleiben und bekam einen Gefährten. Beide durften im Nebengebäude in einer großen Box umherhoppeln und wir lagerten Stroh und Heu ein.

Das wiederum fand ein junger Kater, ein kräftiger Bursche, sehr anziehend. Er hatte seine Menschenfamilie und Wurfgeschwister verlassen und suchte nach einem neuen Revier. Lange hielt er sich unbemerkt im Stall auf und – jagte die Kaninchen, die sich irgendwann via Tierkommunikation beschwerten, es sei ihnen zu viel mit dem ewigen Hin- und Her. Ich -damals noch Zweifler und ungeübt- konnte damit nichts anfangen. Doch irgendwann zeigte Merlin sich dann und bald immer häufiger. Ein wenig scheu, aber sehr rigoros suchte er unsere Nähe und unser Sohn schloß ihn als erstes in sein Herz. Naja, ich kann ja keinem Tier die Tür weisen, also bearbeiteten wir alle drei gemeinsam Gerhard so lange, bis er zustimmte, dass das Katerchen bleiben darf. Frederick gab ihm den Namen Merlin. So eroberte er hartnäckig und gemächlich alle Herzen und sein Revier, und kam und ging nach seinem eigenen Rhytmus, bis zu der Zeit, wo wir umziehen wollten und das Haus zum Verkauf stand.

Ich hatte große Skrupel, ihn mitzunehmen, weil es ja sein könnte, dass er im Dorf noch zu jemand anders gehörte, der ihn dann vermissen würde und sich um ihn sorgen würde. Ich überlegte hin und her, wie ich das lösen könnte. Dann kam ein Makler mit Kaufinteressenten vorbei und zeigte das Haus. Dabei erblickte er Merlin und rief erstaunt aus: „Das ist ja unser MÄXCHEN!“ Es stellte sich heraus, dass die Eltern des Maklers im gleichen Dorf lebten und Merlin dort zur Welt gekommen war, wohlbehütet und von Menschen versorgt. Er hätte vermittelt werden oder bleiben können, aber auf seine Art wollte er das selber regeln und ging beizeiten in die Welt hinaus und suchte sich Frederick und uns… Ich konnte also den Makler fragen, ob wir ihn mitnehmen dürften, wenn wir 100 km wegziehen und bekam die offizielle Erlaubnis!

Dann kamen wir hier an und Merlin war wie geschaffen für den großen Hof, das wilde Revier, das riesige Reetdach, in dem er am liebsten wohnte. Er hatte sehr gern Kontakt mit Menschen und war immer höflich und sehr bestimmt, wenn es darum ging, die rechte Aufmerksamkeit zu schaffen. Bitte nicht nebenbei streicheln! Er holte einen ins Hier und Jetzt mit Herzkraft, wie kein zweites Tier! Das möchte ich zu meinem Erbe von ihm machen.

Dass ihn jetzt im Zuge einer Nierenschwäche die Kräfte verliessen, wollte er nicht wahrhaben… Er war medizinisch und futtertechnisch versorgt und so erholte er sich von den Tiefs seiner Krankheit auch immer wieder….nur wurde es nun doch immer schwieriger. Bis zuletzt glaubte er fest daran, dass ich ihn gesund machen kann und ich hab zu tun mit mir, dass es mir nicht mehr gelang. Die große Reise ist nun angetreten. Er hat ein schönes Grab am Rand der Weide bekommen, so dass er auf beide Seiten schauen kann, zu seinem Heim, zur Geborgenheit, die er genoss und gab und in die freie Feldmark, in der er seine Größe und Freiheit leben konnte. Stolz und charmant, eine mündige Persönlichkeit, die viel zu geben hatte.

Wir lieben dich, Mäxchen/Merlin. Freunde für immer!