Der Tag, an dem die Uhr stehen blieb

30.11.2020

Therapiehof Elbtalaue, Martina Gnodtke

Es gibt den Brauch, wenn jemand gestorben ist, die Uhren anzuhalten und die Spiegel zu verhängen. Darüber hab ich mir noch nie Gedanken gemacht… aber gerade eben, als ich heute nach langer Zeit mal wieder meine Homepage aufgemacht habe, um sie zu aktualisieren, da ist mir klar geworden, dass sich solche Bräuche auch manchmal selbstständig machen, bzw, dass sie aus konkreten Gefühlen entstehen, die auf rituelle Weise dann so sichtbar gemacht werden.

Meine Uhr ist offensichtlich stehen geblieben, wenn ich mir meine Seite anschaue! Sie blieb stehen am 1. Oktober 2019, denn da starb von einer Minute auf die andere Inspektor, mein Hund, mein Herzenshüter und lückenloser Begleiter in über 9 Jahren. Das Loch, das sein Tod gerissen hat, war so immens viel größer, als ich mir hätte vorstellen können, dass ich mitten hinein fiel. Dass ich lange sehr krank war, mich erst im März allmählich erholte (und was ab dann los war, wissen wir ja alle), hab ich noch einigermassen verstanden, aber dass die Uhr auch bis jetzt noch nicht wieder angefangen hat, zu ticken, war mir bis heute nur bruchstückhaft klar.

In der Zwischenzeit mussten wir auch noch Lana hergeben, unsere 18jährige Tinkerstute, die acht Jahre bei uns verbracht hat. Ihre chronische Hufrehe mit extremen Verformungen, die wir durch häufige Hufbearbeitung und viel Pflege und Aufmerksamkeit noch in einem Rahmen halten konnten, dass sie überwiegend ein schönes Leben hatte, ist durch die Wetterbedingungen der Jahre 18/19 und Anfang 20 aus dem Gleichgewicht geraten. In der Zeit mit viel Trockenheit und Hufabrieb muss sich eine stabile Stellung innerhalb ihrer Hufkapseln ergeben haben, die dann mit Einsetzen von mehr Feuchtigkeit Anfang 20 in Bewegung kam. Die Entwicklung, die das nach sich zog, liess sich nicht mehr aufhalten. Im August mussten wir sie erlösen. Sie ging so leicht und schnell, dass die Tierärztin überzeugt war, dass sie und wir als Familie absolut einverstanden mit diesem Schritt waren.

Dennoch- das Loch war wieder eingerissen. Ehrlich, ich hab mich davor gedrückt, Nachrufe zu schreiben und die Seite zu aktualisieren, hätte bedeutet, die neue Situation anzunehmen. Offenbar ging das nicht, denn es wurde mir eben auch einfach nicht bewusst. Viel zu tun, viel Abgelenktheit durch die Corona-Situation waren ja auch Erklärung genug. Es gab dann vor kurzem einen Anlass, in das Hofsystem das homöopathische Mittel „Natrium muriaticum“ (Kochsalz) hineinzugeben, ein Mittel, das zB hilft bei Zuständen, wo man in der Trauer wie erstarrt ist (Lots Salzsäule). Obwohl ich es nicht selber genommen habe und es auch nicht direkt etwas mit dem Tod von Inspektor und Lana zu tun hatte, war es aber genau das, was nach der Verabreichung dieses Mittels geschah: mir wurde bewusst, dass ich nicht im Hier und Jetzt bin! Dass die, die um mich sind, mehr Schatten waren, als die Gestorbenen. Ich lebte wie in einer Zwischenwelt. Heute, beim Betrachten der Homepage, taucht es nun vollkommen im Bewusstsein auf.

So ist es, wenn man reift. Wenn man auf bestimmte Lebensfragen noch nicht vorbereitet war, wenn die Lektion erst noch gelernt werden muss. Dann steht man eventuell lange davor und versteht sogar die Frage des Lehrers nicht, geschweige denn,  weiss man eine Antwort darauf.

Ja, die Uhren mögen bitte weiterticken! Ja, ich möchte lernen, mit meiner Verlustangst so zu leben, dass ich dennoch Lebensfreude haben kann, und vor allem, dass ich die, die noch da sind, oder die neu dazu gekommen sind, nicht als „übrig geblieben“ betrachte, sondern als die, die gerade JETZT mit mir den Weg beschreiten, die sich mit mir entwickeln. Dass ich sie als die betrachte, die mir die nächsten Lerninhalte bieten können, sozusagen wie eine Versetzung in die nächste Klasse. Dass sie nicht ein „Rest“ sind von dem, wie es doch an sich sein müsste, weil es immer so war, sondern als die fortgeschrittene Stufe, die neue Herausforderung und vor allem als meine Familie, mit der ich meine Lebendigkeit teile und feiere.

Ich hab nicht den Anspruch, mit diesem Text irgendwelche Lebensweisheiten didaktisch zu vermitteln, ich schreibe einfach, wie es mir zumute ist, genau jetzt, genau heute! Ich erzähle vom Ausholen beim anliegenden Schritt, mehr nicht. So ist es bei mir! Wie es bei dir ist, wer weiss. Wenn du dich austauschen magst, melde dich gerne. Ich finde es wichtig, Erleben offen zu teilen, damit es für jeden, für den es grade passt, zur Verfügung stehen kann. So individuell wir alle sind, so sehr sind doch die elementaren Erfahrungen durchaus gleich.

Überraschte Grüße und alles Liebe von Martina

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